Morgenpost vom 19.04.2007
"Vier Fenster": Kleine Fluchten aus der Familie
Das Glück findet draußen statt, in diversen Parallelwelten. In drögen Shopping Malls, dunklen Porno-Kabinen und verrauchten Kneipen. Drinnen, innerhalb der vier Wände, wird vorwiegend geschwiegen, die Notdurft verrichtet, Frühstück gemacht. Vater, Mutter, Tochter, Sohn. Der Alltag hat hier seine Rituale eingerichtet. Schwere Vorhänge bedecken die Fenster dieses abgeschotteten Universums, und man muss kein Wahrsager sein, um zu ahnen, dass ein dunkles Geheimnis die vier Gesichter bedeckt.
"Vier Fenster" ist so etwas wie der ultimative Abgesang auf häusliches Glück. Und Regisseur Christian Moris Müller legt wie ein Chirurg die Nervenstränge dieses kranken Organs namens Familie frei. Er setzt vier Schnitte an, öffnet die titelgebenden Fenster für jede einzelne Figur: Zeigt den Sohn bei der schwulen Selbsterfahrung; die Tochter im Akt der Erniedrigung in der U-Bahn; den Vater im Zimmer einer weiblichen Zufallsbekanntschaft und die Mutter, wie sie den Mann vom Schlüsseldienst anlächelt.
Kleine Fluchten allüberall. Weg von der Einsamkeit, dem Schweigen, dem Wissen um das schreckliche Geheimnis. Die Bilder von Fassbinder-Kameramann Jürgen Jürges sind dabei von bezwingender Intensität. Die statische Kamera schaut in der Halbtotalen geduldig durch halbgeöffnete Türen, in dämmerige Flure. Man sieht Spiegel, Vorhänge, Fahrstühle als Zeichen, die nach draußen weisen, Ausfluchten bieten für jeden Einzelnen. Doch das Öffnen der vier Fenster verschafft jeweils nur kurz Luft. Der Rest ist grausames Schweigen.