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Interview mit Jürgen Jürges, Kameramann

Wie war Deine erste Reaktion auf das Drehbuch zu VIER FENSTER?

Das ist eine Geschichte von heute, davon wie Menschen leben. Unsere Familie ist schon extrem, trotzdem aber absolut denkbar. Es ist sehr aktuell, was da passiert, vielleicht etwas überhöht oder konzentriert, aber treffend.
Spannend für mich war auch die angedachte Machart, das Drehen in Plansequenzen (lang durchgehende Einstellungen, A. d. Red.). Nach den ersten Gesprächen mit Christian habe ich gemerkt, dass er sehr genau wusste, was er wollte. Er hat eine solche Motivation und Begeisterung an den Tag gelegt, dass für mich klar war, dass wir zusammen kommen werden. Schon die Vorbereitungen waren sehr angenehm.

Ist es für Dich nicht ungewöhnlich bei so einem kleinen Film mitzumachen?

Überhaupt nicht! In dem Moment, wo mir die Geschichte gefällt, spielt es keine Rolle, ob es ein kleiner Film ist. Ich habe auch kein Problem damit, mich im technischen Aufwand zurückzunehmen. Mir ist es auch egal, ob es im Mini-Format oder auf Cinemascope gedreht wird. Wichtig ist die Geschichte.

Wie sah die Zusammenarbeit mit der jungen Crew aus?

Man muss sich mal vorstellen, vier Wochen heutzutage für minimale Gage oder gar kein Geld, bei hartem Pensum zu arbeiten, das war wirklich erstaunlich. Die Leute waren durchgängig hochmotiviert. Jörg Gönner (Operator), Eva Radünzel (Kameraassistenz), Markus Görgens (Oberbeleuchter), Bernhard Kühn (Kamerabühne) und auch das gesamte andere Team waren alle sehr professionell. Ich habe keinen Unterschied zu gut durchfinanzierten Projekten gemerkt. Die Stimmung am Set war sehr gut. Was natürlich auch damit zusammenhing, dass der Regisseur eine absolut positive Ausstrahlung mitbrachte und in der Lage war, das auf die Crew zu übertragen. Man hat ihm die Liebe zu seinem Film und seinen Figuren angemerkt. Das war immens wichtig, gerade bei einem solchen Dreh. Dadurch konnte er auch viel von seinen Team und den Schauspielern verlangen.
Ich drehe sehr viel und habe einen guten Vergleich. Das war wirklich eine tolle Arbeit und noch mehr als das, es war eine Arbeit, die auch einen Sinn gemacht hat. Ich hoffe, dass sich das im Film widerspiegelt.

Was bedeutet für Dich Kameraarbeit?

Kameraarbeit ist bei weitem nicht alles, aber ein wichtiger Teil des Filmemachens. Die Rangfolge ist zuerst das Drehbuch, die Darsteller, die Regie und dann kommt das Bild. Für mich ist die Kameraarbeit ein wichtiger Lebensinhalt. Ich drehe einfach gerne und bebildere gerne Geschichten.


Es war ja Dein erster Dreh auf DV...

Ich hatte mich jahrelang tot gestellt gegenüber den digitalen Medien. Aber letztes Jahr habe ich zum ersten Mal digital (auf HD) gedreht und das hat mir die Scheu genommen. Ich konnte einige Vorteile dieser Formate kennen lernen. DV reagiert so ähnlich wie HD. Es brennt nach oben hin sehr schnell aus und hat dafür in den dunkeln Bereichen viel mehr Spielraum. Das konnten wir für VIER FENSTER gut nutzen. Alle Räume hatten aus dramaturgischen Gründen geschlossene Vorhänge, dadurch war der Kontrastumfang nicht sehr groß und ich hatte die Ausleuchtung in der Hand. Außerdem hatten wir, auch aus der Geschichte heraus, keine Totalen und konnten so einen weiteren Schwachpunkt von digitalen Formaten umgehen. Ich habe jetzt die erste Ausbelichtung auf 35mm gesehen und war sehr positiv überrascht.


Wie sah das Lichtkonzept zu Vier Fenster aus?

Diese Geschichte, diese Leuten und diese Motiven erforderten ein strenges Licht. Das ist kein schönes Licht, eher ein Gebrauchslicht. Ein Licht, was die Szenen unterstreicht.

Gab es eine besonders schwierige Szene?

Die technisch schwierigste Szene war die letzte Szene des Buches. Sie fing in der Küche mit einem zwei Minuten langen Dialog zwischen dem Sohn und der Tochter an, dann verfolgten wir die beiden mit der Steadicam durch den Wohnungsflur, in den Hausflur, dann vier Treppen runter, aus der Haustür, bis auf die Straße und dann noch 300 Meter weiter. Und das alles in einer Plansequenz. Das war natürlich sehr schwierig, zumal ich mit der Mini-DV nicht die Möglichkeit habe, eine Blende zu ziehen. Das Lichtniveau in der Küche war natürlich ein niedrigeres als auf der Straße. Das macht einen Unterschied von fünf Blenden. Das wäre unten auf der Straße total weiß geworden. Ich habe mich dann dafür entschieden, die Szene technisch zu splitten. Anders ging es nicht. Das war vom Technischen her eine ziemliche Herausforderung. Aber es hat sehr gut geklappt.

Interview Jürgen Jürges